dasspielimschloss.at
dasspielimschloss.at
helgadavid.at • schnitzlerimschloss.at
helgadavid.at • schnitzlerimschloss.at

„Briefe einer Nonne

 

Zwölf Jahre war Mariana Alcoforado alt, als man sie dem Kloster Nossa Senhora da Conceição in Beja zuführte. Es gab handfeste Gründe: Zum ersten konnten oder wollten die Eltern eine Mitgift für ihre Zweitgeborene nicht aufbringen, zum andern schien ein Kloster in dem damals herrschenden Kriegschaos doch ein höheres Maß an Sicherheit zu versprechen, denn Portugal durchlebte im 17. Jahrhundert die schlimmsten Jahrzehnte seiner Geschichte. Die Epoche der kühnen Seefahrer war Vergangenheit, das portugiesische Imperium hatte nicht nur die meisten seiner Kolonien eingebüßt, sondern auch seine eigene territoriale Souveränität an Spanien verloren. Geblieben war ein wehmütiges Erinnern an die einstige Größe und ein melancholisches Lebensgefühl, wie es in der „saudade“ der portugiesischen Fados bis heute nachklingt. In einem drei Jahrzehnte dauerndem Krieg versuchte man nun, erst mit englischer, dann mit französischer Hilfe, die verlorene Unabhängigkeit wiederzuerlangen.

Mariana kannte nur den Krieg und die Träume einer portugiesischen Erhebung gegen die Spanier. Als der junge französische Offizier Noël Bouton de Chamilly, Graf von Saint Léger, von 1663 bis 1667 in portugiesischen Diensten stehend, an der Spitze von Berittenen am Klosterbalkon vorbeiritt und vor den neugierig staunenden Nonnen sein Pferd zu einer eindrucksvollen Demonstration zwang, mag er Mariana wie ein Held erschienen sein, umstrahlt von der Gloriole eines Befreiers ihrer Heimat Portugal. Auch ihn muss die schöne Nonne beeindruckt haben. Jedenfalls kam es zwischen ihnen zu einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung, die durch die zeitbedingten Umstände, die gelockerten Ordnungen, begünstigt wurde.

Nach einigen Monaten heimlichen Glücks wurde Bouton nach Frankreich zurückbeordert. Mariana mochte gehofft haben, er würde seinen Dienst quittieren und-getrieben durch ein starkes Gefühl das ihrer bedingungslosen Liebe ebenbürtig wäre-auf eine weitere Karriere verzichten. Doch er verließ seine ungestüm fordernde Geliebte, deren Leidenschaftlichkeit ihm bereits Angst gemacht haben mochte, offenbar ohne ihr die Trennung anzukündigen, und überließ Mariana einem taumelnden Wechselspiel zwischen Illusion und Realität.

Mariana schickte ihm fünf Briefe, vergebliche Versuche, den Abgrund der Trennung zu überbrücken. Es sind Briefe in denen eine Intensität, zerrissen zwischen tausend sich widersprechenden Gefühlen aufglüht und ausgesprochen wird, wie sie in der Weltliteratur  bis dahin unbekannt war.

Mariana entdeckt schließlich, dass sie nicht so sehr an Noël hängt als an ihrer Leidenschaft. Verblüffend ist die Klarheit, mit der sie, während sie Liebe und Hass in Worte fasst, ihre Gefühle zu analysieren beginnt. Dieser Umstand hat später dazu geführt, dass Zweifel an der Echtheit der Briefe laut wurden, umso mehr als der Weg von der Abfassung bis zur Veröffentlichung nicht rekonstruierbar ist. Vermutlich hat der eitle, oberflächliche Offizier, geschmeichelt durch die Leidenschaft, die er entfacht hatte, die Briefe in Pariser Salons, wie es damals nicht unüblich war, zirkulieren lassen, bis sie schließlich, mit oder ohne Zustimmung, im Jahr 1669 anonym veröffentlicht wurden. Der literarische Erfolg der Briefe war überwältigend, die faszinierten Zeitgenossen konnten sich der Kraft und Unmittelbarkeit des Ausdrucks nicht entziehen, mit der Verfallenheit an die Liebe, dem Prozess fortschreitender Desillusionierung bis hin zur Resignation hatte sich eine vollkommen neue Auffassung von der Liebe einer Frau manifestiert.

Der Einfluss auf die Literatur der folgenden Jahrzehnte bis ins nächste Jahrhundert hinein war bedeutend. So steht die „Princesse de Cleve“ der Comtesse Lafayette unter dem unmittelbaren Einfluss der „Portugiesischen Briefe“ ebenso Richardsons „Pamela“-und die vielleicht bedeutendste Dichtung der französischen Klassik, Racines „Phedra“. Die Tragödie der Liebesbesessenheit, des Hasses bis an die Grenzen des Pathologischen, verrät Spuren der Mariana Alcoforado.

Schloss Wartholz, Reichenau, 2015

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Helga David | Änderungen und Irrtümer vorbehalten